zur Person:
Von 2001-2004 leitete ich eine Projektgalerie in Berlin-Mitte und publizierte das erste kostenfreie Kunstmagazin Berlins. Seit 2004 veranstalte ich jährlich die Kunstmesse Berliner Kunstsalon und seit 2007 die Kunstmesse Tease Art Fair in Köln. Mit meinen eigenen künstlerischen Arbeiten untersuche ich die Grenzverläufe physischer und sozialer Strukturen. Meine Fotoarbeiten wurden u.a. präsentiert zum Monat der Fotografie in Krakau und im Rahmen der Liverpool Biennale, sie sind u.a. vertreten in der Sammlung der National Gallery Cape Town, der Simon Bendi Collection (Liverpool) und der Sammlung Dirk Hermann (Würzburg).
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"Von kühlen Gründen und hohen Bergen":
die Fotografien Edmund Pipers
Text: Thea Herold, Berliner Zeitung, 2008
Der Zufall wollte, dass ihm in einem ruhigen Moment jene poetischen Zeilen von "kühlen Gründen und hohen Bergen" vor die Augen kamen. Wie es eben so passiert bei Schreibtischen, auf denen Berge wachsen, ganze Landschaften aus Büchern, Zeitungen, Zetteln, Bildern, losen Papieren und sonstigem natürlichem Anflug. Im kleinen Gedicht Joseph von Eichendorffs war von jenem kühlen Grunde die Rede und von einem emsigen Mühlrad. Edmund Piper hat danach das Foto "Ami" gemacht. Gut hundert Kilometer nördlich von Berlin, wo er eine sprudelnde Quelle fand und jene Stimmung, in die ihn diese Verse brachten.
Doch egal ob der Berliner Edmund Piper Schatten der hiesigen Wälder oder in der Sonne auf der Zugspitze auf den Auslöser drückt - heimelige Naturbilder werden es nicht. Pipers Fotos sind absichtliche Inszenierungen. Und genauso gut absichtsloses Spiel vor digitalen Kameras mit realen Requisiten. Ganz leicht, in aller Ruhe in Szene gesetzt. Für Fotos, die wie angehaltenes Kino in Kopf funktionieren. Für Bild-Geschichten, mit Vorspann und Nachwort. Echos für urbane Stimmung in der Seele. Uralte Klischees werden dabei aufgerührt. Sex, Gier, Gaffen, Friede, Freude, Kartoffelsalat.
Piper haut in seinen Fotos gern mal aufs Böse, meint es aber irgendwie lieb. Er hat ein gutes Auge - aber er ist kein braver Sohn. Die perfekte Aufnahme will er am Ende gar nicht haben. Vielmehr sollen seine Nachtbilder und Tagträume ganz bewusst nach verwackeltem Schnappschuss aussehen, nach gepixeltem Zufall. Das liegt ihm im Naturell. Die Chancen der Camouflage sind dem Berliner gewusst. Man weiß ja, dass die Dinge oft ganz anders sind, als sie auf den ersten Blick erscheinen.
Pipers Galerist Andreas Wendt nennt die Serie trotzdem schon mal "Neuer Berliner Realismus". Des Ausdrucks wegen, der Abgrenzung wegen. Außerdem klingt's! Pipers Darsteller sind Männer oder Frauen, Partner oder Freunde, Mitspieler oder Models. Sie agieren an echten Orten, die privat und anonym bleiben, und die zum Teil bewusst an die intimen Szenebilder von Nan Goldin erinnern oder an die offenherzigen Nahaufnahmen von Richard Billingham.
Sie können aber ebenso aus der Matrix der Erinnerung kommen. Aus halbvergessenen Märchenbüchern, abgelegten Modeheften der Grunge-Ära oder aus zerschlissenen Comic-Heften. Egal. Man denkt, da arbeitet sich einer seinen privater Zoff mit dem visuell-dokumentarischen Mitteilungszwang von der Seele - gegen diese irrige Hoffnung, der Pseudo-Wahrheit von immer perfekteren Fotografien zu trauen.
Und wer ist das eigentlich, der sich quer durch alle Schubladen zwinkert? Edmund Piper (37) ist als Künstler noch gar nicht so lange am Fotografieren. Dabei ist er schon lange trainiert im Fach "Bewusst hinsehen". Man wusste von ihm, er hängt gerne Kunst an die Wände, und das kann er gut. Dann aber schrieb er Texte über Ausstellungen und kuratiert bis heute selber welche. Er stellte Bilder in der eigenen Wohnung aus -machte im Ausland die Erfahrung weiter und probierte sich als Galerist. Er war "umtriebig", wie es so heißt. Eine Eigenschaft, die man in der Berliner Kulturszene seit jeher gerne nutzt, aber nur selten schätzt.
Heute ist er ganz einfach der, "der den Kunstsalon macht." Denn Edmund Piper erfand dieses neue Format. Nannte es stoisch und mit unsagbarem Glauben an die Idee schlichtweg "messeähnlich" oder "kuratierte Ausstellung". Er setzte den Kunstsalon erst in der Treptower ARENA und dann im Wedding zeitgleich im Herbst der etablierten Kunstmesse Art Forum vor die Nase. Die Resonanz war erstaunlich. Guter Besuch, prima Stimmung, internationale Geschäfte. Obwohl: die Frage, ob sich der Kunstsalon "rechnet", die hatte Piper persönlich nicht im Programm. Vielleicht schrieb er deshalb auf seine Homepage als Motto "Einige werden die Welt retten" und firmiert als "Kunstvermittler von Gottes Gnaden". Das liest sich in aller Schlichtheit, als hätte er den Brief Paulus an die Korinther über dem Bett. Glaube. Liebe. Hoffnung.
Jedenfalls ging seine Idee auf. Den Berliner Kunstsalon wird es im Herbst zum fünften Mal geben. Und schon vor einem Jahr exportierte Piper seine Vision an den Rhein und nannte den kleinen Ableger bezeichnenderweise "Teaser". Das Wort wird ihm irgendwo aufgefallen sein, zugefallen oder im rechten Moment vom Schreibtischberg heruntergeschwebt. Denn es gibt ja am Ende doch keine Zufälle.
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Das sind doch alles Bombenleger
Text: Sophie Von Maltzahn, Die Welt, 2008
... „Auf einer Fotografie zeigt Edmund Piper einen Adler im Gleitflug über einem Gipfelpanorama. Ganz bewusst bezieht er sich hier auf die romantische Malerei von Caspar David Friedrich. In einer damit korrespondieren Arbeit taucht der Adler aber dann nur noch abgedruckt auf einer Plastiktüte auf. So spielt Piper mit Plattitüden auf herbeigesehnte Fluchtwelten. Er weist in seinen Werken darauf hin, dass es diese Fluchtwelten gar nicht in Realität gibt, sondern diese wirklich nur als Illusion existieren. Gespickt mit künstlerischen Zitaten und Anspielungen windet sich Edmund Piper in seinen Fotografien durch die intellektuelle Spirale, um dann bei einer klaren Eindimensionalität wieder anzukommen. Genau wie die Vorgänger im Berliner Realismus der 60er Jahre bleibt Piper dabei hauptsächlich sozialkritisch.“
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Voyeuristischer Blick auf urbanes Elend
Text: Sophie Von Maltzahn, Die Welt, 2008
Bisher kannte man Edmund Piper als Organisator des "Berliner Kunstsalons" und als Berliner Galerist. Dass er auch selber künstlerisch unterwegs ist, hat er kürzlich mit seiner Fotoausstellung in der Wendt + Friedmann Galerie gezeigt. Für den Titel "They will have been so beautiful" borgt er sich ein Zitat von der Fotografin Diane Arbus, die wie eine Marke für so disparate Eigenschaften wie Depressivität, Sexsucht und Genialität steht. Passt aber, denn die Bildwelten in Pipers Arbeiten zeigen eine hässliche und eher unhygienische Realität.
Nicht verlockend, sondern zugemüllt und abschreckend ist sein inszeniertes Stillleben eines intellektuell verkappten Messie-Schreibtisches. Genauso die vergangenen Schönheiten, die während des Benutzens ihrer verlockenden sexuellen Reize diese schon lange verloren haben und durch ihre Schamlosigkeit erbärmlich wurden. Er offenbart dem Betrachter einen voyeuristischen Blick auf urbane Malaise mit abschreckendem Urteil. Die Mischung aus "Egal"-Haltung und Lebensgier wird bei Piper nicht glorifiziert. Sein Galerist Andreas Wendt glaubt: "So sieht der "Neue Berliner Realismus aus".
Auch Fluchtwelten gibt es bei Piper in Heimatbildern und Landschaftsaufnahmen, in denen statt eines Adlers eine Krähe über das Berg-Panorama fliegt. Ironisch zitiert er so Caspar David Friedrich.
Preise 1200 bis 2400 Euro, die Werke kann man über die Galerie Wendt+Friedmann
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PI(M)P MY LEID.DIGITALE BRUNFTSCHREIE.
Die Fotoarbeiten von Edmund Piper.
Text: Henry Woller
John Falstaff, das bärtige Riesenbaby, sitzt frohgelaunt in der Badewanne. Sene weiße Kachelwand ist mit bunten Fotos von halbnackten exotischen Tänzerinnen verziert. das kalte Neonlicht verleiht ihm eine sanfte Coolness, eine Aura aus undefinierbarem Grau umstrahlt seinen roten Wuschelkopf. Er hält uns seine fleischigen, rosigen Füße entgegen wie gepökelte Eisbeine in einem Metzgerladen.Auf einem über die Wanne geschlagenem Holzbrett, das als improvisierter Festtafel dient, ist ein Stillleben aus voller Bierflasche, kleinem Fernseher, Aschenbecher und einer rustikalen Pfanne voll glänzender, kross gebratener Würste arrangiert, die einen magisch ins Bild zieht. Man geht auf die Pfanne zu und je näher man ihr kommt, umso mehr verschwimmen die Würste vor den Augen zu einem graubunten Brei aus winzigen, durcheinandergewirbelten Farbflocken. Die Illusion der gediegenen Einsiedleridylle wird jäh in rohem Pixelsalat erstickt, das schöne Genrebild ist entzaubert, zerfällt in eine pointillistisch anmutende Lichtspielerei, die sich zwischen Motiv und Betrachter schaltet.
Edmund Piper inszeniert in seinen Fotografien den Homo Sacer als urbanes Kuscheltier. In seinen schäbigen Bildwelten amüsieren sich hölzern agierende Modelle auf unterstem Niveau, wurschteln sich durch ein Messie-Dysneyland aus thrashigen Interieurs, schlechtem Essen, billigem Schnaps, S&M-Quatsch, platten Witzen und offenem Sexismus. Kein Klischee ist so bescheuert, das es nicht schon wieder Poesie hätte, scheint sich Piper zu sagen und so marschieren der tätowierte Schläger, die dralle Rubensfrau( vom Spanner verfolgt!), der mißgelaunte Nachbar, das deutsche Gretel, die zornige Gangstabitch, die besoffenen Discotänzer, die süffisante Domina und Paule, der Müllmann durch seine auf Renommierformat gepi(m)pten Hochglanzabzüge.
Dabei strahlen die Protagonisten oftmals eine unbeholfene, hybride Lebenslust aus, eine unbeugsame Schamlosigkeit, wie man sie sonst nur aus Pornos kennt, die Piper, natürlich, ebenfalls bis zum Abwinken zitiert.
Überhaupt werden einem hier die Referenzen um die Ohren gehauen wie eine Tracht Prügel von Rocky. Das bewahrt die Arbeiten Pipers vor dem Abgleiten ins epigonale und der martialische Schweißgeruch, der Käfiggestank des nicht festgestellten Tieres Mensch, die Gewalt der Stereotypen durchdringen die Bilder dieser Kreaturen und ihr Zurückgeworfensein auf ihre nackte archaische Elementarexistenz im elektronischen Zeitalter, in dem die Höhlenbewohner sich per Mausklick digitale Brunftschreie zubellen.
Piper rahmt sein Bestiarium mit fiesen Heimatbildern und hinterhältigen Landschaftsaufnahmen,in denen auch gern schon mal statt eines Adlers eine schwarze Krähe über das Blau unserer deutschen Berge fliegt. Das hatte Caspar David Friedrich nicht gemeint.
All dem entspricht auf technischer Ebene das fast schon selbststigmatisierende ausstellen von handwerklichen NoNo´s und Don´t Go´s. Die schwache Auflösung, die matte Beleuchtung, die jede Regel verhöhnende Bildkomposition, all das wird hier zur aus der Not geborenen Tugend, zum zwingend logischen, immanenten Gestaltungsmittel. Die digital festgehaltenen Körper werden gleichzeitig wieder digital zerrauscht und zerfleischt, das Machtverhältnis von Material und Materie wird unlesbar.
Die Geschichten, die die Bilder dem Kopf zu erzählen scheinen, werden -im wahrsten Sinne-zu Pulp Fiction, zu einem makabren Halli-Galli, in einer schönen neuen Welt,in der alle uns liebgewordenen Images und Vorstellungen zu Gespenstern geworden sind, zu geschmacksneutralen Recyclingprodukten, zusammengegrabbelt auf dem Müllhaufen der Geschichte.
Pipers Fotoarbeiten sind Bilder gegen Bilder.